Montag, 21. September 2026

Was eine Stunde Schweigen verändert hat

 


Eine Stunde geschwiegen. Viel über meine Freunde erfahren. Und noch mehr über mich.

„Attila, jetzt halt doch einfach endlich mal den Mund.“

Wir saßen beim Sonntagsbrunch. Frische Brötchen, duftender Kaffee, Freunde und deren Freunde. Die Gespräche gingen von einem Thema zum nächsten. Und ich konnte zu fast allem etwas beitragen: eine Erfahrung, eine Anekdote, eine Geschichte über jemanden, den ich kenne.

Ich bin neugierig, interessiere mich für vieles und erzähle gern. Wenn jemand etwas anspricht, entstehen bei mir sofort Verbindungen. Dazu habe ich etwas gelesen. Etwas Ähnliches habe ich erlebt. Darüber könnten wir doch noch sprechen.

Ich dachte, damit bringe ich das Gespräch voran.

Dann fiel dieser Satz. Und die Erklärung hinterher: Es sei anstrengend, mir zuzuhören. Ich würde immer wieder mich in den Mittelpunkt stellen. Auch dann, wenn meine Geschichten von anderen handelten.

Das war nicht das erste Mal, dass ich so etwas hörte. Aber diesmal erschrak ich über mich selbst. Ich merkte, dass an dieser Rückmeldung etwas stimmte.

Der Blick auf meinen Teller

Ich schaute nach unten. Die anderen hatten fast aufgegessen. Mein Teller war noch unberührt.

Vor jedem Bissen hatte sich offenbar ein neues Thema gefunden, in das ich mich einschalten musste. Ein Gesprächsstrang endete, der nächste begann, und ich war wieder dabei.

Mein unangetastetes Essen machte etwas sichtbar, das ich bis dahin kaum wahrgenommen hatte: wie viel ich geredet hatte. Und wie wenig Pause ich mir selbst und möglicherweise auch den anderen gelassen hatte.

Ich wollte Interesse zeigen und Erfahrungen teilen. Gleichzeitig kam bei jemandem am Tisch etwas ganz anderes an: dass ich immer wieder die Aufmerksamkeit auf mich zog. Meine gute Absicht änderte nichts daran, dass mein Verhalten für andere anstrengend sein konnte.

Also traf ich eine spontane Entscheidung. Ich stellte den Timer meines Handys auf eine Stunde. So lange würde ich schweigen.

Ich hatte keinen ausgearbeiteten Plan. Ich wollte ausprobieren, was geschieht, wenn ich meine Beiträge für eine Weile zurückhalte.



Was ich hörte, als ich still wurde

Ich blieb dem Gespräch zugewandt. Ich nickte, neigte den Kopf, reagierte mit meinem Gesicht auf das, was erzählt wurde. Und ich begann endlich zu essen. Das erste Brötchen schmeckte überraschend intensiv. Ich nahm mir tatsächlich Zeit dafür.

Dann bemerkte ich, wie eine sonst eher stille Person aus sich herauskam. Sie erzählte Dinge, die ich spannend fand. Ob sie gerade mehr Raum bekam oder ob ich ihr aufmerksamer zuhörte, kann ich nicht sicher sagen. Aber ich bekam etwas von ihr mit, das mich vorher nicht erreicht hatte.

Gleichzeitig meldete sich immer wieder der Impuls, selbst etwas zu sagen. Manchmal sehr deutlich. Ein Thema interessierte mich, eine Erinnerung tauchte auf, ein Gedanke schien unbedingt in diesen Moment zu gehören.

Ich musste aushalten, dass das Gespräch weiterging, ohne dass ich diesen Gedanken aussprach.

Das fiel mir schwer. Sehr schwer.

Irgendwann fragte jemand: „Was ist denn los mit dir, Attila?“

Ich tippte eine kurze Erklärung in mein Handy und zeigte sie herum: Ich hatte beschlossen, bis zum Ende des Timers einfach zuzuhören.

Erst kam Verwunderung, dann ein verständnisvolles Lächeln. Manche fragten, ob ich das durchhalten würde. Sie konnten sich vorstellen, wie schwer mir das fiel.

Ich hielt durch. Zwischendurch machte ich mir Notizen zu den Kommentaren und Geschichten, die ich später noch beitragen wollte. Ganz loslassen konnte ich sie offenbar noch nicht.

Aber während ich zuhörte, erfuhr ich immer mehr über die Menschen am Tisch. Und ich bemerkte, wie häufig meine Aufmerksamkeit sonst bereits bei meiner nächsten Antwort liegt, während jemand anderes noch spricht.

Auf einmal wurde das Bild wieder klarer


Als die Stunde vorbei war

In der letzten Minute richtete sich die Aufmerksamkeit wieder auf mich. Die anderen wussten, dass der Timer gleich ablaufen würde. Sie rechneten damit, dass ich nun einiges nachzuholen hätte.

Ich hatte meine Notizen. Ich hätte anfangen können.

Stattdessen bedankte ich mich. Für diese Stunde, für die Gespräche und für das, was ich erfahren hatte.

Was mir unterwegs so dringend erschienen war, hatte seine Dringlichkeit verloren. Nichts davon musste jetzt in der nächsten Stunde gesagt werden. Ich konnte eine Nacht darüber schlafen und danach überlegen: Ist es noch wichtig? Ist es wahr? Trägt es etwas Gutes bei?

Dann holte ich mir noch einen Kaffee.

Für mich war es die wichtigste Stunde dieses Jahres.

Ich hatte erlebt, dass ich den Impuls, etwas zu sagen, aushalten kann. Dass ich einen Gedanken vorbeiziehen lassen darf. Und dass ich dabei viel mehr von anderen mitbekomme.

Ich erzähle weiterhin gern. Aber ich möchte genauer wahrnehmen, wann mein Beitrag das Gespräch bereichert und wann es gut ist, anderen mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu geben. An diesem Tisch habe ich erfahren, wie viel Nähe daraus entstehen kann.

Deshalb möchte ich es wiederholen: sonntags von 9 bis 10 Uhr eine bewusste Schweigestunde. Eine Verabredung mit mir selbst, zusätzlich zum Digital-Detox-Dienstag.

Eine Stunde hat mir etwas gezeigt, das ich im Alltag weiter üben möchte. Ich weiß jetzt, wie schwer mir das fallen kann. Und wie viel es mir gibt.

Veränderung tut weh. Und sehr gut.

(Danke, Coach D!)

Next stop: Digital Detox Dienstag




Dienstag, 15. September 2026

Zwischen Kehrwoche und Ketzerei: Wie Luksan Wunder aus einem Schwarzwälder Archiv die deutsche Sprache stürzte

Das Good Luk-sing Wunder Ensemble


Beim Versuch, den eigenen
Text richtig flash auszusprechen?
Es ist das Jahr 2015. Nebelschwaden hängen über den dichten Wäldern des Schwarzwalds. Nahe der Universitätsstadt Freiburg im Breisgau – der inoffiziellen Welthauptstadt des linksgrün-versifften Dinkel-Bürgertums – liegt ein abgeschiedenes, jahrhundertealtes Kloster. In dessen staubigem Archiv arbeiten zwei studentische Hilfskräfte: Sandro De Lorenzo Gardinal und Charlotte Hübsch.

Eigentlich haben die beiden den drögen Auftrag, alte, ledergebundene theologische Schriften zu digitalisieren. Aber es ist anstrengend. Sandro, der sich in Freiburg sonst in der lokalen Musik-, Rap- und Freigeist-Szene herumtreibt, und Charlotte, die heimlich ihre Stimme für Schauspiel und Sprechkunst trainiert, sind unterzuckert. Das vegane, glutenfreie Lupinen-Vesper von der Dreisam-Wiese ist längst verdaut. Ihre einzige Qualifikation zu diesem Zeitpunkt: Sie können beide extrem ernst schauen, während sie absoluten Quatsch im Kopf haben.




Sonntag, 13. September 2026

Da gehst Du jahrelang vorbei. Und dann steckt ein Bunker drin.


Zum Tag des offenen Denkmals: CRIFA in der Elsaßstraße und Eisenbahngeschichte zum Vormerken.


Bunkerforschung in der Kölner Bodestraße


Man kennt sein Veedel. Weiß, wo es guten Kaffee gibt, welche Ampel grundsätzlich zu lange rot bleibt und wo seit gefühlt drei Stadtverwaltungen dieselbe Baustelle steht. Und dann erfährt man, dass sich hinter einer unscheinbaren Häuserfront ein fünfgeschossiger Hochbunker verbirgt.

Köln schafft es zuverlässig, meine Neugier beschäftigt zu halten.

Heute, am 13. September 2026, ist Tag des offenen Denkmals. Das Motto lautet „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur“. Dazu passen zwei Themen, bei denen ich gerne genauer hinschaue: historische Schutzbauten und die Verbindungen, die unsere Region zusammengebracht haben.

Mittwoch, 9. September 2026

Ich wollte schon vor der Apple-Keynote ein neues iPhone. Jetzt bin ich enttäuscht – und will zusätzlich eine Sony-Kamera.

Ausgerechnet die neue Kamera des iPhone 18 Pro enttäuscht mich. Aber anders, als du denkst.

Meine Geräte-Sammlung bis es 2007 hieß "one more thing"


Wer sich vom neuen Apple-Chef John Ternus mehr überraschende Produkte in höherer Schlagzahl versprochen hat, dürfte nach der Keynote vom 9.9.2026 erst einmal ernüchtert sein. Natürlich entsteht ein Produktprogramm nicht in seiner ersten Woche als CEO. Einen Aufbruch hatte ich mir trotzdem gewünscht. Apple zum Führungswechsel

Meine Wunschliste bleibt offen: eine alltagstaugliche AR-Brille, die versteht, was ich sehe, und mir Wünsche möglichst von den Augen abliest. Oder neue AirPods Pro mit zusätzlichen biometrischen Funktionen und Mini-Kameras. Das wären die Überraschungen gewesen, auf die ich gehofft hatte.

Mit Leica vor Louve - as artsy as hell
Stattdessen: konsequente Weiterentwicklung und Apples Einstieg in eine Produktkategorie, die die Android-Konkurrenz seit Jahren verkauft. Samsung brachte sein erstes Galaxy Fold 2019 auf den Markt. Ein faltbares iPhone kann hervorragend umgesetzt sein. Die Idee wird durch ein Apple-Logo aber nicht plötzlich neu. Samsung zum damaligen Marktstart

Doch mich beschäftigt als Fotograf vor allem eine andere Ankündigung: Apple Reference Image. Gute Technik, offene Fragen – und für Europa eine ziemlich bittere Fußnote.



Wenigstens ist die Kaufentscheidung gefallen

Mein iPhone 13 Pro kommt in die Jahre. Apple hat mir die Wahl seines Nachfolgers immerhin leicht gemacht.

Sonntag, 23. August 2026

Ungarn - seit tausend Jahren gemeinsam in Europa. Und jetzt wieder richtig.

Es ist natürlich nicht Wien. Sondern Paris. Das des Ostens.


Vor einem Jahr diskutierte ich in Budapest darüber, ob Viktor Orbán überhaupt noch abgewählt werden kann. Heute regiert Péter Magyar. Drei kurze Reels vom ungarischen Nationalfeiertag haben bei mir Freude, Erleichterung, alte Wut und Erinnerungen an die Geschichte meiner eigenen Familie ausgelöst.

Das hier wird wahrscheinlich einer der persönlichsten Texte, die ich bisher auf diesem Blog geschrieben habe.

Es geht um Heimat und Europa. Um Hoffnung und Erleichterung. Um zwei ermordete Großväter. Um einen alten Rabbiner, dem ich begegnen durfte, bevor er wenige Monate später starb. Um einen Ort in Budapest, an dem mir die Geschichte meiner eigenen Familie so nahekam, dass ich den Besuch kaum ausgehalten habe. Und um meine Wut darüber, dass ausgerechnet ein ungarischer Ministerpräsident jahrelang die Nähe zu Wladimir Putin gesucht hat.

Angefangen hat all das mit knapp zweieinhalb Minuten Instagram.

Ich schaue drei Reels aus Budapest.


Hier das erste:



Soldaten marschieren auf. Offiziere werden vereidigt. Gripen-Düsenjets fliegen über die Stadt. Überall ungarische Fahnen.