Eine Stunde geschwiegen. Viel über meine Freunde erfahren. Und noch mehr über mich.
„Attila, jetzt halt doch einfach endlich mal den Mund.“
Wir saßen beim Sonntagsbrunch. Frische Brötchen, duftender Kaffee, Freunde und deren Freunde. Die Gespräche gingen von einem Thema zum nächsten. Und ich konnte zu fast allem etwas beitragen: eine Erfahrung, eine Anekdote, eine Geschichte über jemanden, den ich kenne.
Ich bin neugierig, interessiere mich für vieles und erzähle gern. Wenn jemand etwas anspricht, entstehen bei mir sofort Verbindungen. Dazu habe ich etwas gelesen. Etwas Ähnliches habe ich erlebt. Darüber könnten wir doch noch sprechen.
Ich dachte, damit bringe ich das Gespräch voran.
Dann fiel dieser Satz. Und die Erklärung hinterher: Es sei anstrengend, mir zuzuhören. Ich würde immer wieder mich in den Mittelpunkt stellen. Auch dann, wenn meine Geschichten von anderen handelten.
Das war nicht das erste Mal, dass ich so etwas hörte. Aber diesmal erschrak ich über mich selbst. Ich merkte, dass an dieser Rückmeldung etwas stimmte.
Der Blick auf meinen Teller
Ich schaute nach unten. Die anderen hatten fast aufgegessen. Mein Teller war noch unberührt.
Vor jedem Bissen hatte sich offenbar ein neues Thema gefunden, in das ich mich einschalten musste. Ein Gesprächsstrang endete, der nächste begann, und ich war wieder dabei.
Mein unangetastetes Essen machte etwas sichtbar, das ich bis dahin kaum wahrgenommen hatte: wie viel ich geredet hatte. Und wie wenig Pause ich mir selbst und möglicherweise auch den anderen gelassen hatte.
Ich wollte Interesse zeigen und Erfahrungen teilen. Gleichzeitig kam bei jemandem am Tisch etwas ganz anderes an: dass ich immer wieder die Aufmerksamkeit auf mich zog. Meine gute Absicht änderte nichts daran, dass mein Verhalten für andere anstrengend sein konnte.
Also traf ich eine spontane Entscheidung. Ich stellte den Timer meines Handys auf eine Stunde. So lange würde ich schweigen.
Ich hatte keinen ausgearbeiteten Plan. Ich wollte ausprobieren, was geschieht, wenn ich meine Beiträge für eine Weile zurückhalte.
Was ich hörte, als ich still wurde
Ich blieb dem Gespräch zugewandt. Ich nickte, neigte den Kopf, reagierte mit meinem Gesicht auf das, was erzählt wurde. Und ich begann endlich zu essen. Das erste Brötchen schmeckte überraschend intensiv. Ich nahm mir tatsächlich Zeit dafür.
Dann bemerkte ich, wie eine sonst eher stille Person aus sich herauskam. Sie erzählte Dinge, die ich spannend fand. Ob sie gerade mehr Raum bekam oder ob ich ihr aufmerksamer zuhörte, kann ich nicht sicher sagen. Aber ich bekam etwas von ihr mit, das mich vorher nicht erreicht hatte.
Gleichzeitig meldete sich immer wieder der Impuls, selbst etwas zu sagen. Manchmal sehr deutlich. Ein Thema interessierte mich, eine Erinnerung tauchte auf, ein Gedanke schien unbedingt in diesen Moment zu gehören.
Ich musste aushalten, dass das Gespräch weiterging, ohne dass ich diesen Gedanken aussprach.
Das fiel mir schwer. Sehr schwer.
Irgendwann fragte jemand: „Was ist denn los mit dir, Attila?“
Ich tippte eine kurze Erklärung in mein Handy und zeigte sie herum: Ich hatte beschlossen, bis zum Ende des Timers einfach zuzuhören.
Erst kam Verwunderung, dann ein verständnisvolles Lächeln. Manche fragten, ob ich das durchhalten würde. Sie konnten sich vorstellen, wie schwer mir das fiel.
Ich hielt durch. Zwischendurch machte ich mir Notizen zu den Kommentaren und Geschichten, die ich später noch beitragen wollte. Ganz loslassen konnte ich sie offenbar noch nicht.
Aber während ich zuhörte, erfuhr ich immer mehr über die Menschen am Tisch. Und ich bemerkte, wie häufig meine Aufmerksamkeit sonst bereits bei meiner nächsten Antwort liegt, während jemand anderes noch spricht.
| Auf einmal wurde das Bild wieder klarer |
Als die Stunde vorbei war
In der letzten Minute richtete sich die Aufmerksamkeit wieder auf mich. Die anderen wussten, dass der Timer gleich ablaufen würde. Sie rechneten damit, dass ich nun einiges nachzuholen hätte.
Ich hatte meine Notizen. Ich hätte anfangen können.
Stattdessen bedankte ich mich. Für diese Stunde, für die Gespräche und für das, was ich erfahren hatte.
Was mir unterwegs so dringend erschienen war, hatte seine Dringlichkeit verloren. Nichts davon musste jetzt in der nächsten Stunde gesagt werden. Ich konnte eine Nacht darüber schlafen und danach überlegen: Ist es noch wichtig? Ist es wahr? Trägt es etwas Gutes bei?
Dann holte ich mir noch einen Kaffee.
Für mich war es die wichtigste Stunde dieses Jahres.
Ich hatte erlebt, dass ich den Impuls, etwas zu sagen, aushalten kann. Dass ich einen Gedanken vorbeiziehen lassen darf. Und dass ich dabei viel mehr von anderen mitbekomme.
Ich erzähle weiterhin gern. Aber ich möchte genauer wahrnehmen, wann mein Beitrag das Gespräch bereichert und wann es gut ist, anderen mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu geben. An diesem Tisch habe ich erfahren, wie viel Nähe daraus entstehen kann.
Deshalb möchte ich es wiederholen: sonntags von 9 bis 10 Uhr eine bewusste Schweigestunde. Eine Verabredung mit mir selbst, zusätzlich zum Digital-Detox-Dienstag.
Eine Stunde hat mir etwas gezeigt, das ich im Alltag weiter üben möchte. Ich weiß jetzt, wie schwer mir das fallen kann. Und wie viel es mir gibt.
Veränderung tut weh. Und sehr gut.
(Danke, Coach D!)
| Next stop: Digital Detox Dienstag |


