Sonntag, 23. August 2026

Westwall. Ostschild. HORNFELS.





Westwall, Ostschild und eine Steckdose namens HORNFELS

Wie sich bei IKEA eine gelbe Mehrfachsteckdose zwischen ein Foto aus der Eifel und die europäische Sicherheitspolitik schob.

Bei IKEA stand ich vor einer gelben Mehrfachsteckdose und fragte mich, ob die schwedische Möbelindustrie inzwischen auch Panzersperren für den Hausgebrauch herstellt. Das Ding hatte drei kräftige Ausleger, lag breit und entschlossen auf seiner Unterlage und sah aus, als könnte man damit zumindest die Zufahrt zum heimischen Bücherregal sichern. Vier Steckdosen waren auch noch eingebaut, was bei militärischen Befestigungsanlagen vermutlich eher zur Sonderausstattung gehört.

Dann las ich den Namen: HORNFELS. Bei BILLY denke ich an Bücher, bei PAX an Kleiderschränke, und bei HORNFELS hörte ich augenblicklich einen besorgten Offizier melden, dass dies der letzte noch gehaltene Verteidigungsabschnitt sei. Ich fotografierte das gute Stück. Wer mit solchen Assoziationen durch ein Möbelhaus läuft, braucht entweder jemanden, der ihn zügig Richtung Kasse begleitet, oder ein Blog. Bei mir ist es bekanntlich Letzteres.

Dass ich ausgerechnet an Panzerhindernisse dachte, hatte allerdings eine Vorgeschichte. Genauer gesagt zwei, die sich an diesem Tag vor einer ziemlich harmlosen Elektroinstallation trafen.

Kornelimünster: Die Drachenzähne auf der Kuhweide

Einige Zeit zuvor hatte ich bei Kornelimünster, südlich von Aachen am Rand der Eifel, die Überreste des Westwalls fotografiert. Dort ragen Reihen von Betonhöckern aus einer grünen Wiese, als hätte jemand vor langer Zeit mit einer sehr ehrgeizigen Gartengestaltung begonnen und anschließend das Interesse verloren. Auf dem Foto stehen Kühe daneben, dahinter Bäume, darüber ein freundlicher Himmel. Die Landschaft gibt sich alle Mühe, den Eindruck eines gewöhnlichen Ausflugs ins Grüne zu vermitteln.

Drachenzähne bei Kornelimünster. Die Kühe zeigen erfreulich wenig Interesse an der ehemaligen Verteidigungslinie.


Wer weiß, was dort im Gras steht, schaut ein wenig anders hin. Die sogenannten Drachenzähne gehörten zu einem Befestigungssystem, das sich über rund 630 Kilometer entlang der damaligen deutschen Westgrenze erstreckte. Mit Bunkern, Stellungen, Gräben und Panzersperren sicherte das NS-Regime im Zuge seiner Kriegsvorbereitungen den Westen ab. Die Betonhöcker sollten vorrückende Panzer aufhalten oder ihre Bewegung so lenken, dass sie leichter bekämpft werden konnten. Vieles davon ist verschwunden; die verbliebenen Anlagen ziehen sich bis heute durch Teile der Landschaft. Hintergrund zum Westwall im Raum Aachen

Der Name Drachenzähne hat mich dabei fast ebenso beschäftigt wie die Konstruktion. Ich hätte dem deutschen Militär durchaus eine Bezeichnung wie „Panzersperrkörper, mehrreihig“ zugetraut, selbstverständlich mit einer Nummer für die Ausführung. Drachenzähne dagegen gehören sprachlich in eine Welt, in der hinter dem nächsten Hügel jemand mit einem Schwert auf sein Schicksal wartet. Wer vor diesen Reihen steht, versteht allerdings sofort, woher das Bild kommt.

Inzwischen wächst Gras zwischen den Zähnen, auf dem Beton sitzen Moos und Flechten, und die Kühe gehen ihren Geschäften nach, ohne der ehemaligen Verteidigungslinie besondere Beachtung zu schenken. Mir gefällt diese Gleichgültigkeit. Eine Panzersperre, an der sich allenfalls noch eine Kuh scheuert, hat einen erfreulichen Zustand erreicht. Man kann ihre Geschichte ernst nehmen und sich zugleich darüber freuen, wie gründlich sie ihren ursprünglichen Zweck verloren hat.

Polens Ostschild: Die Gegenwart aus Beton

Mit diesem Bild im Kopf sah ich dann einen Tagesschau-Beitrag über den polnischen „Ostschild“. Polen befestigt seine Grenze zu Russland und plant entsprechende Anlagen auch an der Grenze zu Belarus. Im Bericht waren Panzergräben und tonnenschwere Betonigel zu sehen, die deutsche und polnische Pioniere gemeinsam in Stellung brachten. Es war derselbe Tag, an dem ich später HORNFELS fotografierte.

Deutsche und polnische Soldaten beim Aufbau der Sperranlagen. Screenshot aus dem Tagesschau-Beitrag vom 21. August 2026.


Die Bilder aus Polen holten die Betonhindernisse ziemlich unsanft aus jener Vergangenheit zurück, in der ich sie auf meiner Eifeler Wiese abgelegt hatte. Dort waren sie längst Teil eines Ausflugsfotos geworden, während weiter östlich gerade neue Sperren entstanden, weil Menschen mit der Möglichkeit eines Angriffs rechnen müssen. Ich merkte, wie sehr ich mich an den Gedanken gewöhnt hatte, solche Anlagen gehörten in unserer Gegend Europas inzwischen zur historischen Landschaftsausstattung.

Dabei liegen zwischen dem Westwall und dem Ostschild politische Welten. Das nationalsozialistische Deutschland bereitete einen Eroberungskrieg vor; Polen versucht heute, einen möglichen Angreifer abzuschrecken und sein Staatsgebiet zu schützen. Dass deutsche Soldaten ihren polnischen Kollegen dabei helfen, ist angesichts der gemeinsamen Geschichte selbst eine bemerkenswerte Nachricht. Die vertrauten Formen erzählen also nur einen kleinen Teil dessen, was auf diesen Bildern zu sehen ist.

Von Drachen, Igeln und der Beständigkeit der Physik

Die Physik hingegen scheint mit ihren alten Lösungen weiterhin ganz zufrieden zu sein. Auch ein modernes Kettenfahrzeug muss mit seinem Gewicht irgendwie durch das Gelände kommen, und ein ausreichend massives Hindernis kann ihm diesen Weg erheblich erschweren. Bei aller technischen Entwicklung hat der schwere Gegenstand, der im Weg liegt, seine berufliche Zukunft offenbar noch vor sich.

An dem Wort Panzerigel blieb ich trotzdem hängen. Drachenzähne und Panzerigel sind unterschiedliche Bauformen von Sperren; in meinem Kopf begegneten sich vor allem zwei bemerkenswert verschieden besetzte Tiere. Ein Drache darf Dörfer verwüsten und Jungfrauen bedrohen, während man beim Igel überlegt, ob er gut über den Winter kommt und wo man ihm eine Schale Wasser hinstellen könnte. Die militärische Variante bringt zwar wenig für den naturnahen Garten mit, profitiert sprachlich aber weiterhin vom guten Ruf ihrer kleinen Verwandtschaft.

Zurück bei IKEA: HORNFELS sichert den Familienfrieden

Mit diesem etwas unsortierten Bestand aus Eifel, Nachrichten und Tiernamen stand ich nun also bei IKEA. HORNFELS reckte mir seine gelben Ausleger entgegen, und ich konnte die Ähnlichkeit einfach nicht mehr übersehen. Vermutlich hätte mir dasselbe Gerät an einem anderen Tag bloß gefallen oder missfallen. Nach diesen Bildern hatte es sich bereits als Panzersperre im Maßstab Wohnzimmer qualifiziert.

HORNFELS in seiner natürlichen Umgebung. Die Ähnlichkeit mit einem Panzerigel lässt sich nach dem Tagesschau-Beitrag nur schwer wieder vergessen.


IKEA beschreibt HORNFELS als verspieltes Einrichtungsdetail. Die abgewinkelte Form soll dafür sorgen, dass sich die angeschlossenen Stecker nicht gegenseitig behindern, was jeder zu schätzen weiß, der schon einmal zwei klobige Netzteile nebeneinander in eine gewöhnliche Steckdosenleiste zwängen wollte. Die Konstruktion hat also einen vernünftigen Zweck. Für die NATO-Assoziation trägt ziemlich sicher mein Kopf die Verantwortung.

Beim Namen fällt mir diese Entlastung schwerer. HORNFELS klingt für mich weiterhin nach einer Stellung, die unter allen Umständen gehalten werden muss. Ich sehe förmlich einen General über eine Karte gebeugt, während jemand vorsichtig fragt, ob noch Reserven verfügbar seien. Der General hebt den Blick und sagt, man habe ja zum Glück noch HORNFELS. Dass damit anschließend vier Ladegeräte hinter dem Sofa versorgt werden, müsste man ihm vermutlich schonend beibringen.

So blieb von diesem Tag ein merkwürdiges Nebeneinander: die alten Drachenzähne im Gras, die neuen Sperren an Polens Grenze und ein gelbes Kunststoffding, das aussah, als wolle es bei beidem mitreden. Über die Steckdose konnte ich lachen; bei den Bildern aus Polen blieb der Wunsch, auch diese Hindernisse mögen irgendwann so selbstverständlich und nutzlos in der Landschaft stehen wie die bei Kornelimünster.

HORNFELS darf währenddessen gern im Einsatz bleiben. Wenn sich sein Beitrag zur europäischen Sicherheit darauf beschränkt, den Familienfrieden bei der Suche nach einer freien Steckdose zu erhalten, wäre ich mit dieser Aufgabenverteilung sehr einverstanden.



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