Sonntag, 23. August 2026

Ungarn - seit tausend Jahren gemeinsam in Europa. Und jetzt wieder richtig.

Es ist natürlich nicht Wien. Sondern Paris. Das des Ostens.


Vor einem Jahr diskutierte ich in Budapest darüber, ob Viktor Orbán überhaupt noch abgewählt werden kann. Heute regiert Péter Magyar. Drei kurze Reels vom ungarischen Nationalfeiertag haben bei mir Freude, Erleichterung, alte Wut und Erinnerungen an die Geschichte meiner eigenen Familie ausgelöst.

Das hier wird wahrscheinlich einer der persönlichsten Texte, die ich bisher auf diesem Blog geschrieben habe.

Es geht um Heimat und Europa. Um Hoffnung und Erleichterung. Um zwei ermordete Großväter. Um einen alten Rabbiner, dem ich begegnen durfte, bevor er wenige Monate später starb. Um einen Ort in Budapest, an dem mir die Geschichte meiner eigenen Familie so nahekam, dass ich den Besuch kaum ausgehalten habe. Und um meine Wut darüber, dass ausgerechnet ein ungarischer Ministerpräsident jahrelang die Nähe zu Wladimir Putin gesucht hat.

Angefangen hat all das mit knapp zweieinhalb Minuten Instagram.

Ich schaue drei Reels aus Budapest.


Hier das erste:



Soldaten marschieren auf. Offiziere werden vereidigt. Gripen-Düsenjets fliegen über die Stadt. Überall ungarische Fahnen.

Dann Familien, Kinder, Trachten, Menschen auf den Straßen.




Im dritten Video tanzen Tausende. Handylichter leuchten, Feuerwerk steht über Budapest. Und irgendwann steht Péter Magyar, seit wenigen Monaten Ministerpräsident Ungarns, am DJ-Pult.





Das hätte mich wahrscheinlich einfach schmunzeln lassen.

Dann erscheint dieser Satz:

„Ezer éve együtt Európában.“

Seit tausend Jahren gemeinsam in Europa.

Ich halte das Video an.

Lese noch einmal.

Und merke, dass mich diese fünf Wörter viel stärker treffen, als ich erwartet hatte.

Denn ziemlich genau ein Jahr zuvor war ich selbst in Budapest.

Damals war Viktor Orbán noch Ministerpräsident. Seit 15 Jahren regierte Fidesz das Land. Péter Magyar lag in den Umfragen erstaunlich gut. Zum ersten Mal seit langer Zeit schien ein Machtwechsel wirklich möglich.

Und trotzdem traute sich kaum jemand, mit dem wir sprachen, daran zu glauben.

Die Hoffnung war da. Bei Journalisten, Politologen und anderen Gesprächspartnern.

Aber fast immer hing ein unsichtbares „wenn“ dahinter.

Wenn die Umfragen halten. Wenn die gewaltige Fidesz-Maschinerie die Stimmung nicht doch noch dreht. Wenn bis zur Wahl nicht wieder irgendwo an Regeln geschraubt wird. Wenn Orbán nicht noch irgendeinen Trick aus dem Hut zieht.

Nach so vielen Jahren an der Macht war selbst die Vorstellung eines ganz normalen demokratischen Regierungswechsels fast schon kühn.

Zwölf Monate später schaue ich auf mein Telefon.

Orbán ist weg.

Péter Magyar steht vor Tausenden Menschen.

Und über den Bildern des ungarischen Nationalfeiertags steht:

Seit tausend Jahren gemeinsam in Europa.

Was für ein Unterschied ein Jahr machen kann.


Das ungarische Parlament


Mein erster Bildungsurlaub

Dass ich im August 2025 überhaupt in Budapest war, verdanke ich einer Möglichkeit, die ich selbst viel zu lange ignoriert hatte: dem Bildungsurlaub.

Zum ersten Mal nutzte ich meinen Anspruch in Nordrhein-Westfalen und verbrachte eine Woche bei einer Veranstaltung des Forum Unna.

Der Kurs hieß Budapest – Deutsche und europäische Geschichte in der Donaumetropole und fand vom 24. bis 29. August 2025 statt.

Im Nachhinein frage ich mich eher, warum ich damit so lange gewartet habe.

Ich finde es großartig, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer diese Möglichkeit bekommen, sich einige Tage intensiv weiterzubilden. Natürlich darf das unmittelbar beruflich verwertbares Wissen sein. Aber wir sind eben nicht nur Arbeitnehmer.

Wir sind auch Bürger.

Und gerade politische, gesellschaftliche und historische Bildung halte ich in unserer Zeit für mindestens genauso wichtig.

Wer Bildungsurlaub bisher ähnlich erfolgreich ignoriert hat wie ich, sollte wirklich einmal auf Seiten wie Bildungsurlauber.de stöbern.

Die Auswahl ist erheblich größer als „Excel für Fortgeschrittene“ in einem Seminarraum mit Lamellenvorhängen.

Budapest zum Beispiel.


Platz der Helden


Und dann ist da Agnes

Dass diese Woche so besonders wurde, lag ganz wesentlich an Agnes Szamosvári (Instagram-Seite).

Agnes hat Germanistik und Tourismus studiert und arbeitet seit 1991 als staatlich geprüfte Stadtführerin in Budapest. So nüchtern steht es in den Unterlagen des Forum Unna.

Das beschreibt sie ungefähr so vollständig wie der Satz: „Budapest liegt an der Donau.“

Agnes kennt die Geschichte ihrer Stadt bis in die Verästelungen. Sie kennt ihre Politik. Vor allem aber liebt sie Budapest und die Menschen, die dort leben.

Bei ihr wurden historische Ereignisse nicht zu einer Folge von Jahreszahlen.

Man begann zu verstehen, warum bestimmte Erinnerungen bis heute wehtun. Weshalb historische Traumata politisch funktionieren. Warum manche Symbole für Ungarn eine Bedeutung haben, die sich aus deutscher Perspektive nicht immer sofort erschließt.

Mit Agnes liefen wir deshalb nicht einfach durch eine wunderschöne Hauptstadt.

Wir liefen durch mehrere Jahrhunderte europäischer Geschichte. Wir, das waren Anja, Verica und 16 weitere wundervolle Menschen aus ganz Deutschland.


Kesselgulasch (Gulyásleves)

Gulasch mit Nockerln (Paprikash / Pörkölt)


Quo vadis Hungaria?

Einer unserer Programmpunkte hieß tatsächlich:

„Quo vadis Hungaria? Ungarn und seine Perspektiven zwischen der Europäischen Union und dem System Orbán.“

Danach diskutierten wir im Deutsch-Ungarischen Institut. Auch die Medienlandschaft Ungarns bekam einen eigenen Block.

Heute liest sich dieser Programmpunkt fast wie eine Momentaufnahme unmittelbar vor einem historischen Umbruch.

Am 12. April 2026 gewann Magyars Mitte-rechts-Partei TISZA die Parlamentswahl und beendete nach 16 Jahren die Orbán-Regierung. TISZA bekam am Ende 141 der 199 Sitze im ungarischen Parlament.

Eine Zweidrittelmehrheit.

Und nun sehe ich die ersten Bilder des großen ungarischen Nationalfeiertags unter einer TISZA-Regierung.

Natürlich sind Instagram-Reels keine objektive Zustandsbeschreibung eines Landes. Sie sind ausgesucht, geschnitten, vertont und sollen etwas erzählen.

Gerade deshalb finde ich sie spannend.

Denn hintereinander gesehen erzählen diese drei Videos für mich eine ziemlich klare Geschichte:

Wir sind der Staat.

Das sind unsere Menschen.

Wir feiern unser Land.

Wir sind der Staat

Im ersten Reel taucht all das auf, was zu einem ungarischen Nationalfeiertag gehört.

Soldaten. Offiziersvereidigung. Militärisches Zeremoniell. Gripen. Hubschrauber. Historische Symbole. Rot-weiß-grüne Fahnen.

Gut so.

Denn eine ungarische Fahne gehört keinem Parteivorstand.

Die Stephanskrone gehört keinem Ministerpräsidenten.

Und die ungarische Geschichte gehört nicht Fidesz.

Unter Orbán hatte sich diese Trennung zunehmend verwischt. Partei, Regierung und eine bestimmte Vorstellung davon, wer ein guter Ungar ist, rückten immer näher zusammen.

Ich empfinde es als befreiend, dieselben nationalen Symbole jetzt in einem anderen politischen Zusammenhang zu sehen.

Mein Ungarn muss sich seiner Geschichte nicht schämen, um demokratischer und europäischer zu werden.

Und dann erscheint das Motto des diesjährigen Nationalfeiertags:

„Augusztus 20.: a nemzet ünnepe, ezer éve együtt Európában.“

Der 20. August: Fest der Nation – seit tausend Jahren gemeinsam in Europa.

Für mich steckt darin unglaublich viel.


Das Parlament und das Burgviertel (Regierungssitz)


Da ist mein Ungarn wieder

Ich bin in Ungarn geboren.

Ich lebe in Deutschland.

Und ich fühle mich als Europäer.

Diese drei Dinge haben sich für mich nie gegenseitig ausgeschlossen.

Ich werde nicht weniger Ungar, weil Deutschland mein Lebensmittelpunkt ist. Und Europa nimmt mir keine Heimat weg.

Europa funktioniert für mich gerade deshalb, weil wir unterschiedliche Sprachen sprechen, unterschiedliche Geschichten mitbringen und manchmal auch ziemlich unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie Dinge geregelt gehören.

Die Orbán-Jahre machten daraus immer häufiger ein Gegeneinander.

Budapest gegen Brüssel.

Souveränität gegen Europa.

Ungarische Interessen gegen europäische Zusammenarbeit.

Das hat mich zunehmend abgestoßen.

Deshalb freue ich mich wahrscheinlich fast ein bisschen kindisch über diese fünf Wörter:

Seit tausend Jahren gemeinsam in Europa.

Da ist mein Ungarn wieder.


Vereint auf dem Mond


Das sind unsere Menschen

Im zweiten Reel werden die Bilder alltäglicher.

Kinder. Familien. Selfies. Trachten. Religiöse Traditionen. Menschen auf den Straßen.

Eigentlich passiert erstaunlich wenig.

Und genau diese Normalität gefällt mir.

Die politische Kommunikation der Orbán-Jahre lebte über lange Strecken vom permanenten Konflikt.

Brüssel. Migration. Soros. Ukraine. Krieg. Ausländische Einflussnahme.

Irgendwo war fast immer eine Bedrohung, gegen die Ungarn verteidigt werden musste.

In diesen Bildern muss gerade niemand verteidigt werden.

Menschen feiern einen Feiertag.

Das klingt banal.

Nach all den Jahren fühlt sich Banalität erstaunlich angenehm an.

Kettenbrücke



Und dann legt der Ministerpräsident auf

Das dritte Reel ist endgültig weit weg vom klassischen Staatsakt.

Musik. Handylichter. Feuerwerk. Tausende Menschen. Ungarische Fahnen über einer tanzenden Menge.

Und Péter Magyar am DJ-Pult.

Ob musikalische Grundkenntnisse inzwischen zu den Einstellungsvoraussetzungen für ungarische Ministerpräsidenten gehören, konnte ich noch nicht abschließend klären.

Aber die Bilder funktionieren.

Am Ende steht:

„Boldog születésnapot, Magyarország!“

Alles Gute zum Geburtstag, Ungarn.

Dieselben Fahnen, die vorher neben Soldaten zu sehen waren, schweben jetzt über feiernden Menschen.

Patriotismus wirkt hier leicht.

Fröhlich.

Fast unbeschwert.

Ich hatte gar nicht gemerkt, wie sehr mir genau dieses Gefühl gefehlt hat.


Demokratie gute Nacht?


Dann kam das Haus des Terrors

Unsere Woche in Budapest bestand allerdings längst nicht nur aus solchen leichten Momenten.

Haus des Terrors
Der für mich belastendste Programmpunkt war das Haus des Terrors in der Andrássy út 60.

Das Gebäude war zunächst eine Zentrale der faschistischen Pfeilkreuzler. Nach dem Krieg nutzte es die kommunistische politische Polizei und später die gefürchtete Staatssicherheit.

Auch unser Seminar stellte diese Kapitel unmittelbar nebeneinander: Sowjetisierung und Terror der ungarischen Staatssicherheit, danach die Schreckensherrschaft der Pfeilkreuzler.

Für mich wurde das plötzlich sehr persönlich.




Einer meiner Großväter wurde von den Pfeilkreuzlern ermordet.

Mein anderer Großvater wurde später von den Kommunisten ermordet, weil er angeblich mit Titoisten kollaboriert haben sollte.

Zwei Systeme, die sich ideologisch als Todfeinde verstanden.

Für meine Familie endeten beide mit einem ermordeten Großvater.

Im Haus des Terrors bekam diese Familiengeschichte plötzlich Räume.

Treppen.

Keller.

Türen.

Gesichter.

Die Ideologien waren verschieden. Ihre historischen Zusammenhänge waren verschieden. In ihrem totalitären Menschenbild begegnete mir trotzdem etwas erschreckend Ähnliches: Irgendwann zählt der einzelne Mensch nichts mehr. Er wird zum Feind, zum Verräter, zum Problem, das beseitigt werden kann.

Ich fand diesen Besuch schwer auszuhalten.

Sehr schwer.

Und gleichzeitig war er einer der wichtigsten der ganzen Reise.


Das Denkmal „Schuhe am Donauufer“ erinnert an die Massenerschießungen ungarischer Juden, die im Winter 1944/1945 durch die faschistische Pfeilkreuzler-Miliz verübt wurden.


Kardos Péter

Noch bedeutsamer war für mich nur eine Begegnung.

Wir trafen Kardos Péter, den Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde im Budapester Stadtteil Zugló und Holocaust-Überlebenden. 


Peter Kardos - Oberrabiner in Budapest

Kardos wurde 1936 in Budapest geboren. Als Kind überlebte er die Verfolgung durch die Pfeilkreuzler und den Holocaust. Über Jahrzehnte prägte er das jüdische Leben seiner Gemeinde. Im Mai 2026 ist er im Alter von 90 Jahren gestorben.

Wir trafen uns im Gemeindesaal einer Synagoge. Sein Zeitzeugenbericht ist online - aber es ist natürlich kein Vergleich dazu, dieses von ihm direkt erzählt bekommen zu haben. Er als Holocaust-Überlebender traf sich mit einer Gruppe der Nachfahren der Mörder seiner Familie und seines Volkes. Als achtjähriges Kind war er mit seiner Mutter und seiner Schwester von Pfeilkreuzlern zum Donauufer getrieben worden.

Dorthin, wo heute die Schuhe am Donauufer an die Ermordeten erinnern.

Nach der Überlieferung seiner Familie traf dort ein ziviles Auto ein. Ein Mann stieg aus und sprach mit den Verantwortlichen. Familien mit Kindern durften schließlich gehen.

Auf dem Rückweg hörte der achtjährige Péter die Schüsse.

Die übrigen Menschen wurden an der Donau ermordet.

Der Mann, der die Familien rettete, war nach Erinnerung der Familie wahrscheinlich Raoul Wallenberg.

Und nun saß dieser Junge von damals als alter Mann vor uns.

Man liest Bücher über den Holocaust.

Man sieht Dokumentationen.

Man besucht Gedenkstätten.

Aber einem Menschen gegenüberzusitzen, der selbst dort stand und diese Schüsse gehört hat, lässt achtzig Jahre plötzlich sehr klein werden.

Ich möchte seine Geschichte hier gar nicht weiter ausführen.

Sie verdient ihren eigenen Text.

Und den möchte ich schreiben.

Große Synagoge - die zweitgrößte der Welt ( Dohány utcai zsinagóga )



Und dann ist da Putin

Vielleicht erklärt all das auch, warum mich eine Seite der Orbán-Regierung besonders wütend gemacht hat:

seine Anbiederung an Wladimir Putin.

An einen russischen Autokraten, gegen den der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl erlassen hat. Das Gericht sieht hinreichende Gründe für die Annahme, dass Putin individuelle Verantwortung für die mutmaßlichen Kriegsverbrechen der rechtswidrigen Deportation und Verschleppung ukrainischer Kinder trägt.

Orbán pflegte trotz des russischen Angriffs auf die Ukraine weiter demonstrativ seine besondere Beziehung nach Moskau.

Ausgerechnet Ungarn.

Wir hatten während unseres Bildungsurlaubs intensiv über den ungarischen Volksaufstand von 1956 gesprochen. „Kampf und Freiheit – der ungarische Volksaufstand 1956 und seine Folgen“ stand am letzten Seminartag noch einmal ausführlich auf unserem Programm.

Sowjet Mahnmal

Ein kleines europäisches Land wollte seinen eigenen politischen Weg gehen.

Moskau entschied, dass es das nicht durfte.

Dann kamen die Panzer. Meinem damals zwölfjährigen Vater flogen damals die Gewehrkugeln um die Ohren. So halt ist heute mein Sohn.

Die Ukraine von heute ist nicht das Ungarn von 1956. Geschichte lässt sich nicht einfach übereinanderlegen.

Aber ausgerechnet Ungarn sollte ein ausgeprägtes historisches Gedächtnis dafür besitzen, wie es sich anfühlt, wenn eine Großmacht einem kleineren europäischen Land mit Gewalt erklärt, welche Zukunft es haben darf.

Orbáns Nähe zu Putin war für mich deshalb kaum zu ertragen.






Die Sehnsucht nach dem „starken Mann“

Und leider kommt mir ein Teil dieser politischen Faszination inzwischen auch in Deutschland bekannt vor.

Bei Teilen der AfD ist seit Jahren eine bemerkenswerte Russlandnähe zu beobachten.

Mich interessiert dabei weniger die schnelle historische Etikettierung. Die AfD grenzt sich selbst ausdrücklich vom Nationalsozialismus ab, und historische Vergleiche sollte man sorgfältig behandeln.

Was mir auffällt, ist etwas anderes:

die immer wiederkehrende Bewunderung für vermeintlich „starke Männer“.

Politiker, die „durchgreifen“.

Die sich nicht von Medien „hereinreden“ lassen.

Die Gerichte und Parlamente als Hindernisse empfinden.

Die nationale Interessen einfach durchsetzen.

Putin passt hervorragend in dieses Bild.

Orbán ebenfalls.

Ich habe nach meiner Familiengeschichte wenig romantische Gefühle für diese Vorstellung politischer Stärke.

Ein demokratischer Regierungschef ist für mich nicht schwach, weil ein Gericht zu ihm Nein sagen kann.

Eine Opposition ist keine Störung.

Kritische Journalisten sind keine Staatsfeinde.

Und eine Regierung beweist ihre Stärke auch dadurch, dass sie verlieren können muss.

Demokratie ist langsam, umständlich und manchmal unglaublich nervig.

Zum Glück.




Auch Magyar bekommt keinen Blankoscheck

Deshalb wünsche ich Ungarn jetzt auch keinen besseren starken Mann.

Péter Magyar ist in diesen drei Reels ziemlich oft zu sehen.

Mit Soldaten.

Mit Familien.

In der Menge.

Auf der Bühne.

Und eben am DJ-Pult.

Das gehört zu moderner politischer Kommunikation. Trotzdem werde ich nach 16 Jahren Orbán besonders genau darauf schauen, was aus dieser neuen Macht wird.

TISZA verfügt mit 141 von 199 Sitzen über eine gewaltige Mehrheit.

Ich wünsche mir deshalb vor allem starke Institutionen.

Unabhängige Gerichte.

Freie Medien.

Ein Parlament, in dem Opposition stören darf.

Eine lebendige Zivilgesellschaft.

Und Regeln, die noch genauso fair wirken, wenn TISZA eines Tages eine Wahl verliert.

Daran wird sich Péter Magyar messen lassen müssen.

Instagram kann Zuversicht erzeugen.

Eine Demokratie muss sie verdienen.


Die Andrássy Universität Budapest (AUB) fördert die Demokratie primär als multinationales akademisches Brückenprojekt, das durch europäische Integration, kritische Forschung und den offenen Austausch von Werten geprägt ist. Hier ihr großer Saal.


Was politische Bildung plötzlich bedeutet

Und damit lande ich wieder bei meinem Bildungsurlaub.

Im August 2025 saßen wir mit Agnes in Budapest und redeten über Dinge, deren Ausgang niemand kannte.

Über das System Orbán.

Die Medien.

Nationalismus und nationale Mythen.

  1. 1956.

Ungarns Weg aus dem Kommunismus in die Europäische Union.

Und über Péter Magyar und die Frage, ob er tatsächlich eine Wahl gewinnen könnte.

Ein Jahr später ist ein Teil unserer damaligen Diskussion bereits Zeitgeschichte.

Und genau deshalb hat dieser Bildungsurlaub für mich im Nachhinein noch einmal einen ganz anderen Wert bekommen.

Politische Bildung bekommt plötzlich einen sehr konkreten Wert, wenn man ein Jahr später erlebt, wie Geschichte, über die man gerade noch diskutiert hat, vor den eigenen Augen weitergeschrieben wird.

Dafür bin ich dem Forum Unna dankbar.

Und ganz besonders Agnes Szamosvári.

Sie hat uns nicht gesagt, was wir über Ungarn denken sollen.

Sie hat uns mit ihrer großen Kenntnis der Geschichte und Politik, ihrer Erfahrung und ihrer Liebe zu den Menschen genug mitgegeben, um selbst besser verstehen zu können, was dort passiert.

Heute merke ich erst vollständig, wie wertvoll das war.

Ágnes Szamosvári vor der St. Stephans Basilika



Und ganz persönlich?

Ich bin in Ungarn geboren.

Ich lebe in Deutschland.

Ich fühle mich als Europäer.

Meine Familie hat erlebt, wohin Faschismus führen kann.

Sie hat erlebt, wohin kommunistischer Totalitarismus führen kann.

Und ich habe lange mit angesehen, wie sich meine Geburtsheimat politisch immer weiter von Europa entfernte und ein Ministerpräsident ausgerechnet die Nähe zu einem russischen Autokraten suchte.

Deshalb berühren mich diese drei kleinen Reels vermutlich stärker als jemanden, der einfach nur ungarische Politik beobachtet.

Ich sehe Soldaten und eine ungarische Fahne.

Ich sehe Kinder und Familien.

Ich sehe Menschen tanzen.

Und dann lese ich noch einmal:

Ezer éve együtt Európában.

Seit tausend Jahren gemeinsam in Europa.

Ich weiß nicht, wie wir in vier Jahren über Péter Magyar sprechen werden.

Ich weiß nicht, ob alle Hoffnungen, die gerade auf ihm liegen, erfüllt werden.

Ich weiß nur, wie sich diese fünf Wörter heute für mich anfühlen.

Nach sehr langer Zeit fühle ich meine Geburtsheimat wieder selbstverständlicher dort, wo ich sie immer gesehen habe:

mitten in der großen europäischen Familie.

Mit ihrer wunderbaren Sprache.

Mit ihrer schwierigen Geschichte.

Mit ihren Traditionen.

Mit ihren Widersprüchen.

Mit ihren Menschen.

Und selbstverständlich mit der ausgeprägten ungarischen Begabung, manche Dinge komplizierter zu machen, als unbedingt nötig wäre (da bin ich zu 110% Ungar).

Sonst wäre es schließlich nicht Ungarn.

Vor einem Jahr diskutierten wir in Budapest noch:

Quo vadis Hungaria? Wohin gehst du, Ungarn?

Heute kenne ich die endgültige Antwort noch immer nicht.

Aber zum ersten Mal seit langer Zeit gefällt mir die Richtung.

Und darüber bin ich sehr, sehr froh.


Zur guten Sitte unter Demokraten gehört es auch, dass man auch mir mal die Meinung geigt. Meinungs- und Kunstfreiheit sind wichtige Grundrechte.



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