Ausgerechnet die neue Kamera des iPhone 18 Pro enttäuscht mich. Aber anders, als du denkst.
| Meine Geräte-Sammlung bis es 2007 hieß "one more thing" |
Wer sich vom neuen Apple-Chef John Ternus mehr überraschende Produkte in höherer Schlagzahl versprochen hat, dürfte nach der Keynote vom 9.9.2026 erst einmal ernüchtert sein. Natürlich entsteht ein Produktprogramm nicht in seiner ersten Woche als CEO. Einen Aufbruch hatte ich mir trotzdem gewünscht. Apple zum Führungswechsel
Meine Wunschliste bleibt offen: eine alltagstaugliche AR-Brille, die versteht, was ich sehe, und mir Wünsche möglichst von den Augen abliest. Oder neue AirPods Pro mit zusätzlichen biometrischen Funktionen und Mini-Kameras. Das wären die Überraschungen gewesen, auf die ich gehofft hatte.
| Mit Leica vor Louve - as artsy as hell |
Doch mich beschäftigt als Fotograf vor allem eine andere Ankündigung: Apple Reference Image. Gute Technik, offene Fragen – und für Europa eine ziemlich bittere Fußnote.
Wenigstens ist die Kaufentscheidung gefallen
Mein iPhone 13 Pro kommt in die Jahre. Apple hat mir die Wahl seines Nachfolgers immerhin leicht gemacht.
Das iPhone Duo startet bei 2.299 Euro mit 256 GB. Mit den gewünschten 512 GB kostet es 2.549 Euro. Dafür fehlt die variable mechanische Blende der Pro-Hauptkamera. Bei einem Preis, der ein ordentliches Mittelklasse-Notebook locker abdeckt, schwindet mein Verständnis für solche Abstriche. Apple: iPhone Duo
Die 1.699 Euro für das iPhone 18 Pro mit 512 GB sind ebenfalls absurd viel Geld. Für gerade einmal 300 Euro mehr verkauft Fujifilm seine X100VI: eine fotografische Luxus-Kompakte mit APS-C-Sensor und festem Objektiv. Apple verlangt inzwischen echtes Kamerageld. Apple, Fujifilm
Die Fuji bietet den erheblich größeren Sensor und ein fotografisches Bedienkonzept. Das iPhone ersetzt zugleich mein Smartphone und ist ohnehin dabei. Also bekomme ich wenigstens eine richtig geile Immer-dabei-Kamera.
Nur bei der nachvollziehbaren Herkunft meiner Reportagefotos bleibt Apple hinter meinen Erwartungen zurück.
| Fotografin und Pferdeflüsterin Tanja Weber stehen vor der Kamera von Niklas Rooms. |
War da überhaupt jemand?
In meinem LinkedIn-Post „War da jemand?“ habe ich bereits über fotografische Herkunft und Wahrheit geschrieben, angeregt durch Mareen Fischingers Gedanken zur Anwesenheit.
Ein Foto beweist seine Erzählung nicht. Aber angesichts generativer KI wird schon die Frage relevant, ob überhaupt etwas vor einer Kamera stattgefunden hat.
Reference Image setzt am Ursprung an: Die Hauptkamera der iPhone-18-Pro-Modelle erfasst laut Apple im entsprechenden Modus signierte Sensordaten. Private Cloud Compute entwickelt daraus ein Referenzbild, das sich neben der bearbeiteten Aufnahme betrachten lässt – ähnlich einem digitalen Negativ. Drittanbieter bekommen Schnittstellen zum Anzeigen. Apples Vorstellung
Ein solcher hardwarebasierter Vertrauensanker ist sinnvoll. Er soll helfen, echte Aufnahmedaten gegen nachträglich eingeschleuste Daten abzusichern. Apples Formulierung „Pixelebene“ verrät allerdings noch nicht die konkrete kryptografische Umsetzung. Die Sicherheitsleistung muss sich an technischer Dokumentation und unabhängiger Prüfung messen lassen.
Was Apple bislang nicht ausweist: eine Verbindung zu C2PA, dem offenen Standard hinter Content Credentials.
| Leica 100-400mm vor meiner Panasonic Lumix G9. Toll für Tier- und Promifotografen. Noch besser für Tierpromis. |
Sony zeigt, dass beides geht
Hardware-Sicherheit und C2PA ergänzen sich.
Der geschützte Aufnahmeweg soll absichern, woher die ursprünglichen Bilddaten kommen. C2PA macht signierte Herkunftsaussagen und dokumentierte Bearbeitungsschritte über kompatible Programme und Hersteller hinweg überprüfbar. Die Angaben werden kryptografisch an den Inhalt gebunden. C2PA: technische Grundlagen
Sony kombiniert bereits eigene hardwarebasierte Kamerasignaturen mit C2PA-konformer Bearbeitungshistorie. Erweiterte Prüfungen bleiben teilweise an kostenpflichtige Sony-Dienste gebunden. Ein Hersteller kann also seine besonderen Funktionen behalten und trotzdem einen gemeinsamen Standard unterstützen. Sonys Camera Authenticity Solution
Das beweist nicht, dass Apples Integration trivial wäre. Es widerlegt aber das vermeintliche Entweder-oder.
Auch Lizenzkosten überzeugen als Erklärung kaum: C2PA ist lizenzgebührenfrei implementierbar, einschließlich proprietärer Produkte. Entwicklung, Zertifikate und Betrieb kosten Geld; eine obligatorische Standardabgabe pro iPhone gibt es nicht. C2PA: FAQ
Meine Vermutung: Apple will vor allem Kontrolle über Vertrauenskette, Benutzeroberfläche und Produktgeschichte behalten. Ein Referenzbild neben dem Original ist leicht verständlich. Und eine eigene Sensor-Innovation lässt sich besser vermarkten als die Teilnahme an einem Branchenstandard.
Beides erklärt Apples Interesse. Es erklärt nicht, warum ein zusätzlicher offener Herkunftsnachweis fehlen muss.
| Kamera-Breakfast Menü auf der Brücke in Avignon. Welches Glas darf es denn sein? |
In der EU dürfen wir erst einmal zuschauen
Die unmittelbarste Enttäuschung steht in Apples Fußnote: Zum Start lassen sich mit den iPhone-18-Pro-Modellen in der EU keine Reference Images aufnehmen. Entwickeln und Anzeigen sind dagegen vorgesehen. Für meine eigenen Reportageaufnahmen in Deutschland fehlt damit ausgerechnet der Anfang der Kette. Apple, Fußnote 5
Meine Vermutung: Hier könnte Apple erneut über den Anspruch stolpern, eine neue Funktion zunächst für sich zu reservieren. Angekündigt ist der Zugang zum Anzeigen. Ein entsprechender öffentlicher Aufnahmezugang für andere Kamera-Apps ist damit nicht zugesagt.
Der naheliegende rechtliche Anknüpfungspunkt wäre Artikel 6 Absatz 7 des Digital Markets Act – DMA, nicht DSA. Er verlangt wirksame, kostenlose Interoperabilität mit relevanten Betriebssystemfunktionen, die auch Apple selbst nutzt. Aus meiner europäischen Nutzersicht ein ausgesprochen sinnvoller Grundsatz: Andere Anbieter sollen auf meiner gekauften Hardware fair konkurrieren können. EU-Kommission: Interoperabilität
Ob diese Vorschrift tatsächlich hinter dem Aufschub von Reference Image steckt, ist nicht bestätigt. Ebenso wenig ist ein konkreter Rechtsverstoß festgestellt. Und der DMA schreibt an dieser Stelle auch nicht ausdrücklich C2PA vor. Der Zugang zur Aufnahmefunktion und das Austauschformat für Herkunftsnachweise sind zwei verschiedene Fragen.
| Werden mal wieder keine Freunde: Apple und die EU. (Foto vom EU-Tag und Ingress Mission Day in Mannheim) |
Ein sicherer Zugang fällt nicht vom Himmel. Apple hat Entwickler.
Natürlich baut ein Script-Kiddie nicht mit zehn Zeilen Vibe-Coding eine sichere Kamera-Schnittstelle samt nachgewiesener Rechtskonformität.
Aber Apple ist auch kein Wochenendprojekt.
Von einem der finanzstärksten Technologiekonzerne der Welt erwarte ich, dass er eine solche Öffnung als Produktanforderung behandelt: Architektur entwickeln, Berechtigungen definieren, Sicherheitsprüfungen durchführen, dokumentieren und zuverlässig ausliefern.
Eine denkbare Lösung wäre, dass andere Kamera-Apps lediglich eine geschützte Aufnahme anfordern. Sensor, Schlüssel und Signierung blieben im kontrollierten System. Die App dürfte keine beliebigen Pixel zur Beglaubigung unterschieben. Welcher Aufwand dafür in Apples konkreter Architektur nötig wäre, wissen wir nicht.
Der DMA verlangt dabei keine Preisgabe der Sicherheit. Begründete, unbedingt notwendige und verhältnismäßige Schutzmaßnahmen sind ausdrücklich zulässig. EU: Interoperabilitätsentscheidung
Wer etwas will, sucht Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.
Für mich ist der DMA deshalb ein vernünftiger Gestaltungsrahmen. Die Kommission betont selbst: Die Entscheidung, eine Funktion einzuführen, liegt beim Hersteller; die Umsetzung muss die Regeln erfüllen. Ein technischer Zwang zum EU-Aufschub ist für Reference Image bislang nicht belegt. EU-Kommission: Fragen zum DMA
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| Apple Logo in 3D - KI generiert. KI steht hier für KIefer. Schmitz-Hübsch-Qualitätsprodukt aus Bornheim |
Und der Mittelfinger Richtung Leica?
Als mögliche Marketingwirkung kann ich ihn mir durchaus vorstellen.
Leica hat fotografische Authentizität mit Content Credentials sichtbar besetzt. Apple tritt nun mit einer eigenen Sensor-Erzählung auf und kann die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Dass die fehlende C2PA-Anbindung gezielt gegen Leica gerichtet wäre, ist allerdings Spekulation. Leica zu Content Credentials
Die vermeintlich elegante Gegenüberstellung „Leica signiert Metadaten, Apple die Wirklichkeit“ wäre ohnehin technisch schief. C2PA schließt sichere Aufnahmehardware nicht aus.
Und auch Apple kann die Wirklichkeit nicht beglaubigen: Eine echte Kamera kann einen Bildschirm mit einem KI-Bild fotografieren, eine inszenierte Szene aufnehmen oder Material für eine falsche Bildunterschrift liefern. Herkunft ist kein Wahrheitszertifikat. C2PA: Gestaltungsprinzipien
| Marion Sollbach zeigt hier meinem Leica-Objektiv den Mittelfinger. Wahrscheinlich aus anderem Grund als Apple. Dazu offen, ehrlich und direkt - so wie diese wundervolle Frau halt ist. |
Mein iPhone bekommt einen Nachfolger. Meine Kritik auch.
Ich werde das iPhone 18 Pro voraussichtlich kaufen. Das neue Smartphone reizt mich. Gerade deshalb ärgert mich, was bei der Authentizität fehlt: der Aufnahmezugang zum EU-Start und die bislang nicht ausgewiesene Verbindung zum offenen Standard.
Sony zeigt, dass eigene Sicherheitsfunktionen und gemeinsame Herkunftsnachweise zusammenpassen. Deshalb steht Sony jetzt auf meiner Liste für die nächste eigenständige Kamera. Mein Fotografen-Kollege Volkan Sever wird jetzt zurecht laut fragen:
Und dafür brauchte es ein neues iPhone? Ich sage Dir das schon seit Jahren.... jetzt hol Dir endlich die Sony Alpha 7 V... zack zack!
Mein nächstes Smartphone wird ein iPhone. Meine nächste Kamera wird eine Sony werden. Apple hat für beides Argumente geliefert.
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| Hier waren wir entweder auf einem Werbe-Event für 50mm Nifty-Fifty-Objektive oder meinem 50. Geburtstag. Über 50 weiß man das nicht mehr so genau :-) Foto: Katja Radnai |


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