Sonntag, 19. Dezember 2021

Kurz vor Weihnachten: Argentum Seniorenheim kündigt allen - und meinem Papa

Schließung des Seniorenheims Bessemerstraße in Berlin-Schöneberg zu Weihnachten 2021

Es ist kurz vor Weihnachten. Familien sitzen bei warmen Kerzenlicht an Adventsabenden zusammen und genießen die Zeit der Vorfreude. Besonders geborgen sind die älteren Menschen, die diese Familien aufgebaut haben. Sie erzählen ihren Kindern und ihren Enkeln "von der guten alten Zeit" und dass früher mehr Lametta war. Wir kennen und lieben das.


Früher waren die Aussichten auf Schöneberg rosiger und bunter

Raus aus dem Haus

Und dann gibt es da die bis zu 199 Seniorinnen und Senioren, die 2021 im Senioren- und Pflegeheim Bessemerstraße in Berlin untergebracht waren. Deren Vorweihnachtszeit verlief alles andere als harmonisch. Einer der Betroffenen: Mein halbseitig gelähmter Vater.

Mein Papa und ich



Der Betreiber-Konzern des Pflegeheim, die Argentum-Gruppe, hatte sich zur Schließung des Heims entschieden. Das Heim hatten sie im Rahmen ihrer Expansion Anfang 2020 von der vorherigen Betreiberin DPUW übernommen und ist so in die Top 30 der deutschen Pflegeheimbetreiber aufgestiegen. Also kein kleiner Laden, sondern eine Gruppe mit fast 4.000 Seniorinnen in ihren Einrichtungen.

Welche Ambitionen Argentum CEO Michael Thanheiser hat, bekräftigte er am 7. Oktober 2021 im Interview mit dem Fachportal Pflegemarkt.com

"Wir möchten vor allem langfristig, strategisch und gesund wachsen"

Das übliche "profitable Wachstum", das also gerne Investoren hören wollen. Im gleichen Monat, kurz vor November, erstellten sie dann Kündigungsbriefe für die bis zu 199 Bewohnerinnen ihres Pflegeheimes in Berlin-Schöneberg. Die Berliner Morgenpost und der Rundfunk Berlin Brandenburg berichteten darüber sehr kritisch. 

Vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen

Denn als Begründung für die Schließung wurden unter anderem sehr grundlegende Dinge wie fehlende Grünanlagen vorgebracht. Dies war ja keine überraschende Situation sondern war schon bei der Übernahme bekannt. Darüber Hinaus gab es mit dem benachbarten Alboinplatz, dem Lindenhof-Areal oder dem Naturpark Südgelände sehr wohl Naturflächen, die ich sehr gerne mit meinem Vater besuchte.



Naturpark Südgelände

Der grüne Lindenhof

Grünanlage Alboinplatz

Ein von mir in der Zwischenzeit besuchtes Argentum Pflegeheim in Troisdorf bei Köln, wo ich mit meiner Familie lebe, hatte ebenfalls keine ausgedehnten Grünanlagen zu bieten, sondern liegt mitten in der Fußgängerzone der Innenstadt. Es gefiel mir aber trotzdem recht gut. Der Eigenanteil von ca. 2.300€ pro Monat ist für uns jedoch nicht erschwinglich.

Unter dem blauen Schild ist der Eingang zum Seniorenheim

Man zeigte sich in Schöneberg auch mit der Bausubstanz unzufrieden. Das kann sein, aber das alles war nichts kurzfristiges. Ein verantwortliches Management prüft, kommuniziert transparent und handelt dann mit fairem Vorlauf für die Familien.

Fairness: Gute und rechtzeitige Kommunikation auf Augenhöhe

Mit welcher Frist wurde seitens Argentum gekündigt? Ein Jahr im Voraus? Sechs Monate im Voraus? Nein - man wählte die vertragsgemäß kürzestmögliche Vorlaufzeit von 2 Monaten. Das bedeutete, dass für alle das Heim kurz nach Weihnachten 2021 zu verlassen ist. 

Man unterbreitete aktiv Alternativangebote. Diese wurden in den Kommentaren des RBB vom Nutzer "KonradBerlinSamstag" so beschrieben:

Die Angesprochene Beratung war eine Verkaufsveranstaltung, nix Beratung. Im Angebot sehr Kostenintensive Heime in Zehlendorf .

Gute Pflege ist viel Aufwand
So habe ich das auch erlebt. Der durch die Familie des zu Pflegenden zu tragende Eigenanteil betrug meist über 100% und damit über 1.000€ im Monat mehr! Dagegen betreibt die Argentum Gruppe Pflegeheime mit ähnlichem Eigenanteil. Allerdings in Dresden oder Magdeburg. 

Droht da nun die Wiederholung? Denn der gleiche Kommentator führte weiter aus:

Vielleicht sollte man das Augenmerk auf den Geschäftsführer dieser Gesellschaft richten, der laut Internet einschlägige Erfahrungen mit Altenheimen haben soll. Übrigens wurde das Heim erst vor nicht all zu langer Zeit übernommen. Häufiger Personalwechsel an allen Stellen war die Folge.

Auch Kommentator PosterBerlinSamstag beschied dem Management keine glückliche Hand:

Die anstehenden Sanierungskosten scheinen dann wohl das Problem zu sein. Hierfür keine Rücklagen zu haben ist dann wohl ein Fall schlechten Wirtschaftens.

Konnte es wirklich so schlecht gewesen sein? Es gab zumindest auch positive Stimmen. So zum Beispiel von Pflegedienst Inhaberin Gabriele Burmeister, die das Heim immer aufgrund persönlicher Erfahrungen empfahl:

Das ist sehr schade! Es ist das beste Pflegeheim was ich kenne. Ein Stiefvater war nach Umsetzung aus einem anderen Heim dort bis zu seinem Tod liebevoll umsorgt worden. 



Licht und Schatten liegen nah beieinander

Meine persönlichen Erfahrungen waren ähnlich gemischt. Es gab viele tolle aufopfernde Mitarbeiter:innen, die sich um die Gäste/Patienten/Senior:innen liebevoll gekümmert haben. Diese haben nicht nur Corona-Klatschen, sondern auch faire Entlohnung und Behandlung verdient. Allerdings wurde auch ihnen gekündigt.

Dagegen gab es das Management, das offensichtlich im letzten Halbjahr das Budget immer mehr kürzte. Das Essen wurde einfallsloser (zum Glück liebt mein Papa Nudeln aus Hauptnahrung) und meine Mutter musste immer öfter fehlende Basics bei der Raumhygiene hinweisen. Ebenfalls wurde das Kündigungsschreiben nicht an meine Schwester als notariell beglaubigte Betreuerin gerichtet, sondern an meine Mutter, von der weniger "Gegenwind" zu erwarten war.



Wenn der gelähmte Arm meines Vater nicht mehr regelmäßig mobilisiert wird, entstehen solche Stellen 

Verwirrungsspiel: links blinken, rechts fahren

Während ich zusammen mit meiner Mutter und meiner Schwester ein Heim suchte, das vor allem für meine Mutter per Bus und Bahn gut erreichbar und für die Familie vom Eigenanteil her noch gut bezahlbar war, kam ein zweites Kündigungsschreiben der Argentum herein. Es verlängerte die Kündigungsfrist auf den 31.01.2022 . Das schien uns ein wenig mehr Luft zu verschaffen.

Dann auf einmal in der Woche vor Weihnachten der Hammer. Ich bekam am Mittag eine E-Mail, nach der mein Vater sich ein benachbartes Heim ansehen solle und es schon sehr gut fand. Es sei auch gerade ein Platz frei. Nach Feierabend rief ich dann auch an. Da erfuhr ich, dass mein Vater schon spontan verlegt wurde. Mit nichts anderem am Leib als seinen Sachen und teilweise leeren Medikamentenpackungen. Eine Nachfrage bei ihm ergab, dass das nicht mit ihm abgesprochen gab. 

Das Heim wiederum behauptete, es sei sehr wohl mit ihm abgesprochen. Einen Kontakt zu mir, meiner Schwester als notariell benannte Pflege-Bevollmächtigte oder meiner Mutter gab es jedoch nicht. Als ich dann die Preis erfuhr, ahnte ich auch warum man lieber einen pflegebedürftigen Patienten unter Druck entscheiden ließ: Auch hier steigt der Familienanteil um über 8.000€ pro Jahr. 

Alleine gelassen ausgelaugt, als hätte man dir alle Energien einfach ausgesaugt

Wie wir uns jetzt fühlen? Das hat ironischerweise die Argentum in einem eigenen Musikvideo formuliert:

Fühltest du dich oft alleine gelassen ausgelaugt, als hätte man dir alle Energien einfach ausgesaugt” … “So mancher Abend ist hart, lässt uns in Tränen erstarrt zurück im Alltag allein”.

Genau das sind die Gefühle, die Argentum uns vor Weihnachten 2021 vermittelt hat.



Irgendwie hätten wir es aber auch ahnen können. Argentum ist ja das lateinische Wort für Silber. Der zu Weihnachten geborene Jesus Christus wurde ja am Ende von Judas für 30 Silbertaler verkauft. Auch damals ging es offenbar schon mehr um "Wir möchten vor allem langfristig, strategisch und gesund wachsen" und weniger um Menschenschicksale.

Frohe Weihnachten, liebe Argentum-Senioren. Wer ist der nächste?



Für uns ist das Kapitel Argentum zum Glück beendet. 
Glück auf und Gesundheit an alle, die da noch nicht mit durch sind.

Nachtrag 1, 20.12.2021:
Eine konkrete Stellungnahme der Argentum findet sich auf Facebook

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