Donnerstag, 25. Juli 2013

Internet Speedtest reloaded - ein Regulierer auf Abwegen


Die Bundesnetzagentur (BNetzA) legt ihre Kampagne zur Qualitätsmessung von Internetanschlüssen wieder auf. Damit habe ich ein Problem. Dieses ist, dass die Aktion wieder mal hauptsächlich populistisch aufgezogen wurde und die Mobilfunknetzbetreiber als die wahren Datenbremser außen vor lässt. Das ist schade, denn Verbrauchertransparenz ist wichtig und auch in meinem Blog fordere ich sowas ja immer wieder ein.

Schon im ersten Versuch wurden von der BNetzA die physikalischen Bedingungen ignoriert. Versuch zwei ist hier nicht besser. Es wird weiter einfach auf gehobenem Stammtischniveau gefordert, dass bei "Bitte ein Bit" immer alle Daten mit theoretischer Maximalpower aus der Zuleitung geschossen kommen sollen. Wieso so eine Zielvorgabe für Qualität nicht sinnvoll und auch die Messung zu ungenau ist, habe ich jedoch schon bei der ersten Runde ausführlich beschrieben.

Bitte ein Bit. Diese Ultraschall-Reihe erklärt, warum so
viele Computernerds zum (Bier)Bauchansatz neigen


Da jedoch nicht alle etwas mit technischen Aufsätzen anfangen können, habe ich auch mal aufgeschrieben, wie so eine Meldung aussähe, wäre die BNetzA oder die EU auch für Autos zuständig:



BNetzA-Studie zu Verkehr in Europa: Autofahrer und Motorradfahrer bekommen nicht die Geschwindigkeiten, für die sie zahlen. Details hier .

"Aber was ist denn die Alternative?" fragt der verwirrte Bundesnetzbeamte, der es ja nur gut gemeint hat.
Schonmal nicht das eigene Vorgehen. Dabei wurde nämlich das Auto des Nutzers beschleunigt auf Maximalgeschwindigkeit und dann gemessen. Leider weiss er nicht, wo gemessen wird. Auf jeden Fall nicht auf seiner Autobahnauffahrt (und nur für die gilt die angegebene Höchstgeschwindigkeit), sondern irgendwo auf der Strecke.

Wie es besser geht, steht auch schon lange in dem ersten verlinkten Blogbeitrag zur Qualität der Initiative Netzqualität . Eine weitere Erläuterung findet sich unten im Nachtrag, da im Heise-Forum ein paar gute Stichworte kamen.

Aber vielleicht kann der Bundesnetzbeamte diese Beiträge ja nicht lesen, weil er seine Internetdaten über eine Mobilfunkverbindung zieht. Bei dieser sind Drosselung und Verstöße gegen Netzneutralität schon lange Praxis und von ihm akzeptiert. Allerdings meint er hier ja seinen Job schon erledigt zu haben. Denn es gibt ja genug Wettbewerb auf dem Mobilfunkmarkt.

Verbraucher: Stimmt. So lange die konzernfreundliche Bundesregierung für ausreichend Wettbewerb unter allen vier Mobilfunknetzbetreibern sorgt, ist ja kein Marktmachtmissbrauch zu befürchten.

Getuschel aus dem off

Ach? Es gibt bald nur noch 3 Netzbetreiber?
Egal. Diese stehen ja unter harter Kontrolle der Bundesnetzagentur.

Getuschel aus dem off

Ach? Die EU will gegen die Bundesrepublik Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren einleiten, weil sie nichts gegen die zu hohen Preise im Mobilfunk unternehmen will?

Das ist doof. Aber was soll ich schon tun. Es ist ja nicht so, dass ich als einfacher Verbraucher die Regierungs- und Regulierungspraxis in Deutschland beeinflussen könnte.

Getuschel aus dem off

Ach? Am 22. September 2013 ist Bundestagswahl? Vielleicht gehe ich diesmal ja doch hin.



 
Genauso überraschendes Ergebnis wie das der BNetzA-Studie
Künstler: Olli Hilbring, Quelle: Schön doof

Nachtrag:

Ich habe diesen Beitrag bei dem Beitrag zum Speedtest bei Heise.de im Kommentar erwähnt. Darauf entspann sich dann eine Diskussion. In dieser habe ich dann nochmal meinen Punkt etwas ausführlicher dargelegt:


 > Wer die Geschwindigkeit von Netzwerken und Autos vergleicht, der
> redet Unsinn.


Dass das Straßennetz aber auch ein Netzwerk ist, ist hoffentlich kein
Unsinn, oder? Falls Du das doch meinst:

"Ein Straßennetz entsteht aus dem Bedürfnis Transportaufgaben zu
bewältigen. Diese Transportaufgaben spielen sich zwischen den
verschiedenen Lebensbereichen der Menschen (beispielsweise
Arbeitsplatz und Wohnort) ab."
Siehe auch: http://lmgtfy.com/?q=Stra%C3%9Fennetz+wikipedia

> Ich spreche in meinem Fall aber von Auslastung.
> Die volle Geschwindigkeit ist nämlich möglich, nur halt immer
> seltener.


Ich finde, dass man sowohl in Daten- wie auch Strassennetzen sehr gut
Geschwindigkeiten und Auslastungen betrachten kann.

Zum Anfang der Automobilnutzung war alles super. Nur die Technik des
Autos schränkte die Geschwindigkeit ein. Ebenso war es bei der
Datenübermittlung. Hier gab es meist Direktverbindungen zu Mailboxen
mit Modems und die waren der begrenzende Faktor.

Mit steigender Vernetzung der Straßen und Zunahme der Autos waren
Überlandstraßen, Autobahnen, Ampeln, dynamische
Gewindigkeitsregelungen, Zuflussregelungen und andere Dinge
notwendig, die Staus vermindern, aber bei fehlender Gesamtkapazität
im System sie eben nicht ganz verhindern können.

Dein Provider entspricht in dieser Analogie natürlich nicht Deinem
Auto, sondern Deiner Gemeinde, die Dir von der Haustür einen Gehweg
und ein Gemeinde-Straßennetz baut und Dir damit den Zugang zum
Gesamtnetz gewährt. Allerdings sind die Staus selten genau da. Daher
ist auch eine Messung, die Auslastung des (Daten/Straßen)Netzes
Deiner Gemeinde/Deines Providers messen soll, nirgendwo anders
durchzuführen als in diesem Nahbereich. Wenn man nun den Tacho des
Autos (Deinen Router/Deinen PC) als Maßstab nimmt, sagt das eben kaum
etwas aus.


> Niemand würde auf die dumme Idee kommen, den Wagen wegen überfüllter
> Straßen zurückzugeben.


Sag niemals nie. Ein Kollege von mir wohnt 100km von der
Arbeitsstelle entfernt und musste täglich quer durch die
Rhein-Ruhr-Region, die am dichtesten besiedelte Region Deutschlands.
Er hat sich tatsächlich für das Bahnfahren entschieden. Er arbeitet
jetzt dazu noch an 2 Tagen in der Woche vom Home Office aus. Womit
ich wieder die Kurve zum Speed im Internet nehme, da er im Home
Office auch darauf angewiesen ist.

> Aber der eigentlich Flaschenhals liegt oft bei Provider und auf der
> letzten Meile.


Diese Behauptung ist falsch. Sie wird auch nicht richtiger, nur weil
sie ständig wiederholt und nie bewiesen wird. Der Test der BNetzA
fand ja eben nicht auf der letzten Meile statt, sondern viele, viele
Meilen außerhalb des Netzes Deines Providers. Der guten Ordnung
halber muss ich erwähnen, dass ich bei einem mittelständischen
DSL-Accessprovider arbeite. Daher plaudere ich im Folgenden etwas aus
dem Nähkästchen.

Ein Test auf der letzten Meile müsste meiner Meinung nach so
aussehen:

1. Das vom Provider gelieferte Endgerät einsetzen. Andere Fremdgeräte
wie z.B. eine Fritz!Box waren bei mir z.B. schonmal bis zu 1 MBit/s
langsamer. Dass ich sie am Ende dennoch lieber dran habe, liegt an
ihren Funktionen, aber nicht an ihrer Top-Geschwindigkeit auf der
DSL-Strecke.

2. Du musst Dich direkt per LAN daran anschließen und WLAN am Router
deaktiveren.

3. Du musst Dir große Testdateien Deines Providers auf einem seiner
Server zum Download suchen. Das ist zwar praktisch nicht mehr die
letzte Meile, also die Leitung zwischen Deiner Wohnung und der
Technik des Providers, aber kein Provider wird solche Testserver
direkt neben seinem DSLAM aufgebaut haben. Du darfst hiervon nur eine
laden. Wenn Du - wie Du beschrieben hast - gleich mehrere lädtst,
hängt es wieder sehr von Deiner Software, der eingestellten MTU-Size
und anderen Parametern ab, was Du messen wirst.

4. Du musst die synchronisierte Geschwindigkeit Deines DSL-Routers
mit der ermittelten Geschwindigkeit vergleichen und den Overhead für
die Protokolle der OSI-Schichten 3-7 abziehen, da der Provider auf
der letzten Meile nur Schicht 2 (also z.B. ATM oder Ethernet-Frames)
beeinflussen kann.

5. Wenn nun die Geschwindigkeit der DSL-Verbindung stark vom Wert
beim Download abweicht, dann hast Du ein Indiz dafür, dass Dein
Provider auf dem Stück nach der letzten Meile durch Überbuchung im
Backbone, Traffic-Shaping (Filesharing) oder andere Maßnahmen
mutwillig weniger leistet als vertraglich vereinbart.

Hier ist natürlich tatsächlich das Problem, dass die Provider hier in
ihren Leistungsbeschreibungen selten sooo genau sind und im
Sternchentext die Bedingungen von 1-5 ausführlichst erläutern. Auch
die BNetzA hat nicht so gemessen.

Das wäre meiner Erfahrung nach auch nicht sinnvoll, da die
Access-Provider hier heutzutage meist die Geschwindigkeit gar nicht
mehr künstlich beschränken. Auf Seite des DSL-Access-Multiplexers
(DSLAM) wird bei ADSL2+ in der Regel eingestellt 16 MBit/sec
eingestellt.

Gerade moderne Verfahren wie der Rate-Adaptive-Mode sorgen dafür,
dass die Leitung so gut wie möglich bei dem Wert einpendelt, bei dem
ein Maximum an Daten pro Zeit übertragen werden kann, ohne dass zu
viele verlorene Pakete (Packetloss) die effektive Datenrate wieder
schmälern. Diese Verluste treten aber eben meistens wegen der
physikalischen Eigenschaften der Leitung wie Dämpfung oder
Einstreuung elektromagnetischer Störsignale auf. Diese Paramenter
kann Dein Provider nicht beeinflussen.

Kann man also keine Qualität erwarten? Doch. Aber es müssen eben
sinnvolle Parameter gemessen werden, die auch wirklich Ursache und
Wirkung klar miteinander verbinden. Viele Experten, die viel mehr von
der Technik als ich verstehen, haben hier schon kluge Vorschläge
gemacht. Aber die BNetza hat sie - warum auch immer - beiseite
geschoben.

Der aktuelle Speedtest geht daher meiner Meinung nach zu sehr in die
Richtung "Wir beschuldigen einfach mal irgendeinen in der
Leistungskette. Irgendwie haben alle Dreck am Stecken und deshalb
trifft es schon einen richtigen."

So erreicht die Kampagne nicht das eigentliche Ziel: Eine ehrliche
Ist-Aufnahme der Geschwindigkeiten der Datenverbindungen in
Deutschland, eine Analyse möglicher Probleme und die Beseitigung
dieser Probleme. Erst das führt dazu, dass die Bürgerinnen und Bürger
Datenraten erreichen können, die ihren Anforderungen an Leistung und
Kosten entspricht.

Dieses Verhältnis zwischen von Leistung und Preis ist übrigens sehr
wichtig. Aufbau und Betrieb schneller Datennetze kosten viel Geld.
Gerade aktuell im Hochsommer laufen die Klimaanlagen und Lüfter auf
Hochtouren (stellt Euch mal neben einen VDSL-Kasten) und spülen viel
Geld in die Kassen der Energieversorger - selbst wenn niemand surft,
weil alle gerade Frauenfußball-WM schauen. Ja, ja, ich weiß - ich
werde wieder unrealistisch ;-)

Mein Fazit: Auch ich will gerne super schnell surfen. Aber das
Problem liegt nur sehr selten beim Access-Provider, sondern meist bei
zu langsamen Servern auf der Gegenseite (Traffic-Limiter!), Stau auf
den internationalen Verteilernetzen (der Brite muss das ja alles noch
fein säuberlich in seine Tempora-Datenbank kopieren) und an schlecht
implementierter Software auf meinem Rechner (Adobe Flash - wann
stirbst Du endlich aus?).

Da das aber auch von mir nur eine gewisse fachliche Mutmaßung ist,
wäre ich der BNetzA für einen RICHTIGEN Speedtest V3.0 dankbar. Da
darf dann aber nicht wieder herauskommen, dass für lange
Versandzeiten für Zalando-Schuhe der Briefträger verantwortlich ist
und dieser einfach schneller radeln muss.

Ja, ja ... immer diese Foren
(geschrieben um 00:27 und jetzt folge ich
der besten Ehefrau von allen ins Bett. Damit liegt der Wert für
"komme gleich" heute bei ca. 1h )

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